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Bundestrainer Joachim Löw: In seiner eigenen Welt

Ja, das mit der Zugverspätung. Das war ein gefundenes Fressen. Bundestrainer Joachim Löw musste seine außerplanmäßig einberufene Rechtfertigungsrede am Freitag um 40 Minuten verschieben.

Die Bahn, mit der der 59-Jährige aus Freiburg nach Frankfurt zum Deutschen Fußball-Bund (DFB) anreisen wollte, um sich und die Zukunft des deutschen Fußballs zu erklären, machte Löw einen Strich durch die Rechnung.

Man will fast sagen: Bei Löw kommt halt alles mit Verspätung. Im Moment sind DFB-Witze wieder mächtig in Mode. Aktuell kann Löw im Lichte der Öffentlichkeit vermutlich gar nichts wirklich richtig machen. Wäre er mit dem Auto angereist, man hätte ihm vielleicht ein mangelndes Klimawandelbewusstsein vorgeworfen.

Nie in seiner fast 13 Jahre langen Tätigkeit als Bundestrainer war Löw geschwächter als jetzt. Das beweist allein der Umstand, dass er sich innerhalb von nur einem halben Jahr nun zum zweiten Mal vor der Presse rechtfertigen zu müssen glaubte. Das erste Mal mit seiner WM-Analyse im September.

Zwischen Dankbarkeit und Veränderungswille

Das zweite Mal nun resultiert aus einem PR-Desaster. Löw hatte die drei Bayern-Profis und Weltmeister von 2014, Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller, vor anderthalb Wochen ausgemustert. Danach wurde ihm von der Presse, aber auch von Müller und Hummels, schlechter Stil vorgeworfen. Aus einem organisierten Vorwärtsmanöver wurde ein weiterer verlorener Kampf um die Rückkehr zur alten Souveränität.

Am Freitag beschrieb Löw die Trennung von den langjährigen Begleitern als für ihn schmerzhaft: “Diese Spieler haben Einmaliges geleistet und zur erfolgreichsten Dekade des deutschen Fußballs beigetragen. Mir ist das wahnsinnig schwer gefallen”, sagte Löw. Er sah dabei weniger erholt aus als sonst – mit dunklen Augenringen und blasser Haut.

Aber er rechtfertigte auch seine Entscheidung: “Es war aufgrund der Ergebnisse 2018 unumgänglich, gewisse Veränderungen vorzunehmen”, sagte Löw. Seine Mannschaft brauche zukünftig eine neue Dynamik und Geschwindigkeit. Deshalb habe er sich entschieden, auf die drei Altbewährten in der EM-Qualifikation und beim Turnier 2020 zu verzichten. Ausdrücklich nur dort.

Eine Hintertür für die Weltmeister?

Von einer “suggerierten Endgültigkeit” seiner Entscheidung, wie Müller das in einem Social-Media-Beitrag genannt hatte, wollte Löw nichts wissen: “Ich habe die Drei nicht aus der Nationalmannschaft verbannt”, sagte er. “Aber es wäre doch ein Eiertanz gewesen, wenn ich gesagt hätte: Mal schauen, wie die Jungen sich machen. Vielleicht lade ich euch wieder ein”, sagte Löw.

Das klang nach einer Hintertür für Müller und Co., doch wahrscheinlich ist eine Rückkehr trotzdem nicht: “Ich weiß nicht, was in einem Jahr sein wird, aber Fakt ist: Ich habe den Spielern gesagt, dass ich nicht mit ihnen plane”, sagte Löw.

Ein Eiertanz ist es für Löw eigentlich erst geworden, weil er noch im Oktober stets darauf gepocht hatte: “Nur mit jungen Spielern geht es nicht.” Es brauche beim Wideraufbau ein Gerüst an erfahrenen Akteuren. Das holt Löw nun ein. Jener Widerspruch lässt ihn unglaubwürdig erscheinen. Und die Zweifel an ihm werden genährt.

“Das war auch für mich ein Prozess”, erwiderte Löw. Er habe nach dem WM-Debakel von Russland auf eine “Trotzreaktion” der Mannschaft gehofft. Da die ausblieb (im Oktober gab es ein 0:3 in Amsterdam – es folgte der Abstieg in der Nations League) und es erst besser wurde, als Löw danach auf junge Spieler wie Serge Gnabry und Leory Sané setzte, sei er im Winter zur Überzeugung gelangt, dass es einen Radikalumbruch brauche.

Stark, Eggestein und Klostermann sind neu dabei

Der sieht auch Neulinge vor: Löw hat mit dem Berliner Niklas Stark, dem Leipziger Lukas Klostermann und dem Bremer Maximilian Eggestein drei neue Spieler für die ersten Länderspiele des Jahres gegen Serbien am Donnerstag und in der EM-Qualifikation gegen die Niederlande am 24. März nominiert.

Dass die Widersprüche und schlechte Öffentlichkeitsarbeit nicht nach einem überzeugenden Rettungsplan aussehen, ist Löw egal: “Es mag sein, dass man das als Neutraler so sehen kann. Aber das belastet mich nicht”, sagte er. Und: “Ich treffe meine Entscheidungen nicht aufgrund der Dinge, die in der Öffentlichkeit von mir erwartet werden, sondern aus Überzeugung. Ich lasse mich nicht beeinflussen.”

Kritik? Ja, ok! Aber Joachim Löw macht weiter sein Ding.

Eine gewisse Distanz zwischen sich und das Zeitgeschehen hat Löw schon immer geschoben. Er lebe in seiner eigenen Welt, sagen selbst langjährige Weggefährten. Und diese Welt hat ihn oft vor dem öffentlichen Druck geschützt. 2012 nach dem vercoachten EM-Halbfinale gegen Italien gelang es Löw so, sich wieder neu zu finden. Zwei Jahre später wurde er Weltmeister.

Doch der Löw’sche Kosmos wurde in Russland zur Falle – weil er sich darin zu sehr in Selbstgewissheit eingerichtet hatte. Er übersah die Mängel seines Teams, gab ihm die falsche Taktik und vertraute darauf, dass alles wieder so wunderbar klappen würde wie immer.

Mit einer gewissen Prise Distanz zwischen sich und dem da draußen geht Joachim Löw nun auch den Umbruch und die Post-Müller-Hummels-Boateng-Zeit an. Ob das beim ausgerufenen Neustart klappt? Zumindest der Bundestrainer glaubt fest dran.

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