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Politt und Co.: Im deutschen Radsport verschieben sich die Kräfte

  • Radprofi Nils Politt fährt beim Kopfstein-Klassiker Paris-Roubaix auf Platz zwei.
  • Die Darbietung zeugt nicht nur von Politts Potenzial – sie ist Teil eines größeren Themas, nämlich der Neusortierung des deutschen Radsports.
  • Die Kräfte verschieben sich von Anfangs- und Mittdreißigern hin zu ein paar neuen Namen: etwa zum Sprinter Pascal Ackermann, dem vielseitigen Maximilian Schachmann, dem Kletterer Emanuel Buchmann – und Politt.
Von Johannes Aumüller

Da hatte Nils Politt gerade den größten Erfolg seiner Karriere erreicht, aber an größere Feierlichkeiten war eher nicht zu denken. Erst ging es in die Pressekonferenz, dann in den Mannschaftsbus, um mit einem Glas Sekt anzustoßen und noch eine kurze Ansprache zu halten – dann setzte er sich gleich ins Auto, um mit seiner Frau zurück nach Deutschland zu fahren. Ein paar Tage Erholung am Chiemsee stehen an, mit der Frau, aber auch mit dem Rennrad, weil das nun mal eine Saison-Phase ist, in der ein Radprofi sich täglich im Sattel befinden will, selbst während eines familiären Entspannungsurlaubes in Oberbayern.

Politt, 25 Jahre alt, in Köln geboren und seit 2016 im Dienst der russisch-deutschen Combo Katjuscha unterwegs, hat bemerkenswerte Tage hinter sich. Vor rund einer Woche erreichte er bei der schweren Flandern-Rundfahrt den fünften Platz. Und an diesem Sonntag beim Klassiker Paris – Roubaix schlug er sich noch stärker: Auf Platz zwei kam er nach einer couragierten Fahrt beim berüchtigten Traditionsrennen über die Kopfsteinpflaster-Passagen im Norden Frankreichs, ganz knapp im finalen Spurt geschlagen vom belgischen Altmeister Philippe Gilbert. “Unglaublich” sei das, fand Politt, und “ziemlich emotional”.

Es war ein Auftritt, in dem gleich zwei Geschichten stecken. Die eine ist die von der vorläufigen Krönung eines Mannes, der erstaunlich rasch in den erweiterten Kreis der Weltspitze vorstieß. Sein Teamchef Dirk Demol sieht ihn bereits als “kommenden Mann” für die berüchtigten Monumente, wie die wichtigsten langen Eintagesrennen im Radsport heißen. Und Politt selbst kündigte gleich selbstbewusst an, er werde “wiederkommen und versuchen, den großen Stein zu holen” – die traditionelle Trophäe für den Roubaix-Sieger. Aber zugleich war diese Darbietung auch Teil eines größeren Themas, nämlich der Neusortierung des deutschen Radsports.

Jahrelang war es das deutsche Publikum gewohnt, dass vier Pedaleure im Fokus standen: Zeitfahr-Spezialist Tony Martin, Allrounder John Degenkolb sowie die beiden Sprinter Marcel Kittel und Andre Greipel. Dutzende Siege errang dieses Quartett in der vergangenen Dekade. Aber seit geraumer Zeit gibt es eine Kräfteverschiebung von diesen Anfangs- und Mittdreißigern hin zu ein paar anderen Namen.

Ackermann, Schachmann, Buchmann – und Politt

Pascal Ackermann, 25, etwa ist einer davon, der Sprintspezialist. 2018 erreichte er gleich neun Siege, wobei allerdings noch abzuwarten bleibt, wie er sich bei den großen Rundfahrten schlagen wird. Auch Maximilian Schachmann gehört dazu, insbesondere weil der 25 Jahre alte Berliner über viele Fähigkeiten verfügt: Er ist ein guter Zeitfahrer, aber auch zunehmend stark am Berg, und außerdem gilt er als ein Mann für die hügeligen Klassiker. Erst in der Vorwoche überzeugte er bei der schweren Baskenland-Rundfahrt, als er drei Etappen gewann und vier Tage lang das Spitzenreiter-Trikot trug.

Der Dritte im Bunde ist Emanuel Buchmann, 26, ein sehr guter Kletterer und schon seit ein paar Jahren unter erhöhter Beobachtung, weil er als derjenige gilt, der als nächstes eine starke Platzierung in einer der großen Drei-Wochen-Rundfahrten erreichen kann; für Platz zwölf bei der Vuelta (2018) reichte es immerhin schon mal. Auch er wusste zuletzt im Baskenland mit einem Tagessieg und einem Tag im Führungstrikot aufzufallen, ehe es am Ende Rang drei wurde. Und dann ist da noch dieser Nils Politt, der als einziger des Quartetts nicht beim Team Bora unter Vertrag steht, sondern bei Katjuscha.

Es ist kein Zufall, dass Politt nun bei Flandern und Paris – Roubaix seine besten Karriere-Leistungen zeigt. Schon in Juniorenjahren nahm er an diversen Nachwuchsrennen in diesen Regionen teil. Er gilt als Arbeiter, immer im Kämpfermodus, so einen Ansatz braucht es auf den Pflastern, auf denen ein Defekt oder ein Sturz alles durcheinanderwirbeln können. Schon im Vorjahr kam er in Roubaix als Siebter an, holte zudem einen Tagessieg und Platz zwei bei der Deutschland-Tour – und nun also diese beiden starken Leistungen binnen einer Woche. Er sei “für diese Rennen geboren”, befand sein Teamchef Demol. In Rad-Nationen wie Frankreich oder Belgien zählt das viel; in Deutschland geht das manchmal unter, weil der Fokus traditionell auf der Tour de France liegt. Selbst in den großen Erfolgsjahren des Teams Telekom, in denen die Branche das Publikum noch eher über den grassierenden Dopingbetrug zu täuschen vermochte, spielten die Klassiker eine geringe Rolle.

“Ich denke, wir arbeiten uns gerade ran”, sagte Politt mit Blick auf den anstehenden Generationswechsel: “Es ist gut, dass in Deutschland auch junge Fahrer Erfolge einfahren.” Es ist gut möglich, dass bald ein weiterer folgt. Politt selbst peilt als nächsten Start zwar erst das traditionelle Rennen am 1. Mai in Frankfurt an. Aber wenn in den nächsten Wochen die Klassiker Amstel Gold Race und Lüttich – Bastogne – Lüttich anstehen, darf sich Maximilian Schachmann einiges ausrechnen.

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